Die Kollegen Könige (21 Mar 2007)

Selbstverherrlichung, so lautete der Vorwurf, und Mißbrauch des Diskussionsforums als Werbeplattform. Ein Totreder sei ich zudem - und einer, der im Forum über andere CAD-Software meckere, "um damit von den eigenen Schwächen abzulenken."

Ich hielt es für unwahrscheinlich, daß ich diese Vorwürfe wirklich alle und vor allem in dieser Schärfe verdient hatte - aber solch starken Tobak ignoriert man besser auch nicht einfach so. Es traf sich, daß Urlaub angesagt war, und so ließ ich mir zwei Wochen Zeit, um das in Ruhe zu verdauen und zu begrübeln.

Danach nahm ich meinen zumindest zeitweisen Abschied aus dem Forum.

Was war geschehen, und warum dieser Schritt?

Anwender der Software, die wir bei CoCreate entwickeln und verkaufen, treffen sich in allerlei Foren, und in einigen davon bin ich Stammgast - besonders in den deutschen Foren. "Ich arbeite zwar bei CoCreate, aber ich schreibe das in meiner Freizeit und spreche nicht für die Firma" - das war als Signatur in jedem meiner Wortbeiträge zu lesen. Zwar hat CoCreate nichts gegen meine Beteiligung, aber ich war auch nicht im Auftrag der Firma zugange, sondern privat - ich war schlicht neugierig, wie Kunden mit der Software, die ich mitentwickele, umgehen und welche Erfahrungen sie damit machen.

Wie in allen Diskussionsforen, so gab es auch hier ab und an Reibereien. Selten jedoch verspürte ich so viel Gegenwind wie in den letzten Monaten, und zum ersten Mal in über sechs Jahren habe ich nun das Gefühl, daß schon meine bloße Anwesenheit zur Gereiztheit beiträgt.

Warum das? Nun, ich kann nicht in die Köpfe derer hineinsehen, die besonders genervt, zuweilen gar aggressiv auf mich reagiert haben. Aber zwei Spekulationen erlaube ich mir.

Anwender brauchen schnelle Lösungen, Entwickler gründliche

Wenn es im Produkt klemmt, will der Anwender möglichst fix eine Lösung, um weiterarbeiten zu können - selbst wenn die Lösung so hemdsärmlig und kurzlebig wäre, daß sie einem Softwareentwickler Magengrimmen verursacht.

Der Entwickler hingegen hat ein Interesse daran, Schwierigkeiten und Tathergang möglichst vollständig aufzuklären: Was ist der Kern des Problems, und welche Beobachtungen haben damit nichts zu tun? War es vielleicht doch ein Anwenderfehler und wie könnte man den in Zukunft vermeiden? Oder ist es ein Fehler in der Software, und wie kann ich den ohne Nebenwirkungen korrigieren, so daß ich mich später nie mehr darum kümmern muß?

Also fragt der Entwickler vier- oder fünfmal nach den genaueren Umständen, um die Lage zu sondieren und falsche Vermutungen auszuschließen. Naja, jedenfalls tue ich das gerne. Vielleicht habe mir auf diese Weise so nach und nach das "Totreder"-Image eingehandelt.

Kollege Kunde? Wohl doch eher König!

Auch wenn die Umgangsformen im Forum kollegial und locker sind, und auch wenn ich tausendmal betone, daß ich das Forum als Privatmann besuche: Aus Kundensicht stehe ich im Zweifel auf der anderen Seite und hafte für all die kleinen oder großen Probleme mit, die der Anwender mit CoCreate-Produkten oder mit CoCreate selbst hatte oder hat.

Im Forum geäußerter Werkstolz oder auch der Versuch, falschen Behauptungen entgegenzutreten, wird deswegen besonders kritisch beurteilt.

Simple Wahrheiten, denke ich heute - und daß die Vorstellung, mit Kunden feierabends am virtuellen Stammtisch klönen zu können, doch eher naïv war. Und wenn ich noch so darauf beharre, als Privatmann an den Diskussionen teilzunehmen: Das Verhätnis ist und bleibt nun einmal asymmetrisch.

Wäre die Betreuung von Foren offizieller Bestandteil meines Jobs, so müßte ich als beauftragter Vertreter meiner Firma mit Angriffen und Auseinandersetzungen leben - und könnte das dann auch gut, denn ich wäre ja nicht persönlich gemeint, oder zumindest könnte ich mir das plausibel einreden.

Ich war indes privat und aus Spaß an der Freud' dabei. Am Ende war vom Spaß wenig übrig, also hieß es für mich: Loslassen üben! Die deutschen Foren funktionieren schließlich auch ohne mich prima. Sehr wahrscheinlich besser als zuvor.

Bin ich eine Mimose? Gut möglich; ich weiß es nicht. Nur daß mir Auseinandersetzungen im Forum zuweilen die ganze Woche verdorben haben, das weiß ich. Und daß ich das nicht mehr erleben möchte.

Was bedeutet das nun für andere Foren? Dort läuft es besser. Vielleicht liegt es daran, daß dort in Englisch diskutiert wird und der Ton schon deswegen ein anderer ist. Jedenfalls werde ich einstweilen Foren wie das internationale CoCreate-Anwenderforum weiter besuchen.

Und dieser Blog? Und die FAQ-Seiten, die CoCreate-Produkte betreffen? Nun, auf dieser Website trifft sich offenbar ein anderes Publikum: CAD-Administratoren, Angehörige von Partnerfirmen, Programmierer. Diskussionen, die sich hier ergeben, haben in der Tat eher kollegialen Charakter. Ich mache hier also weiter.


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