Der folgende Artikel erschien in "PD-NEWS 2" (ich glaube, im Jahr 1989), einem Ableger der "ST-Computer", der sich speziell mit Public-Domain-Software beschäftigte. Die war damals ein großer Renner und in gewisser Weise einer der Vorläufer der Open-Source-Welle. Die großen Zeitschriften brachten PD-Diskettenreihen heraus, auf denen ausgesuchte PD-Software zu finden war. Das war wichtig in den Zeiten, in denen das Internet nur für eine kleine Schar von Auserwählten eine Alternative war.

Die Herausgeber baten mich um einen kleinen Artikel zu meinen Erfahrungen mit PD-Software, und das folgende kam dabei heraus. Im nachhinein bin ich ganz und gar nicht stolz auf diesen larmoyanten, altklugen und gar nicht witzigen Artikel; genaugenommen ist er mir einigermaßen peinlich. Aber immerhin taugt er zur Erklärung, wie ich damals auf die Hyperformat-Idee kam und damit so einiges für mich ins Rollen kam.


Hyp Hyp Hurra!

Die Geschichte von HYPERFORMAT

Was denn - Sie haben immer noch kein eigenes PD-Programm geschrieben? Daß man mit PD-Software nicht allzuviel Geld machen kann, mag zwar stimmen; das alleine ist aber noch kein Grund, das Konzept aufzugeben. Denn für den Programmautoren kann sich die Veröffentlichung trotzdem lohnen. Wie das? Zum Beweis erzähle ich Ihnen einfach eine Geschichte wie aus dem richtigen Leben - die Geschichte von HYPERFORMAT...

Sie kennen HYPERFORMAT nicht? Na, dann wird's aber Zeit. Mein HYPERFORMAT ist meines Wissens der Welt erstes Formatierprogramm für den ST, das 11 Sektoren pro Spur formatieren konnte: Damit kommt man bei doppelseitigen Disketten endlich über 900 KB!

Memories...

Irgendwann Ende 1986 fragte mich ein Freund und ST-Leidensgenosse (er fragt mich ständig solche Sachen), warum denn der AMIGA auf seine 80spurigen Disketten 880 Kilobyte unterbringt und der ST mit Mühe und Not 820 KB - bei 10 Sektoren und 83 Spuren. Rückfrage bei einem AMIGA-User: Der AMIGA schreibt auf jede Spur 11 Sektoren mit jeweils 512 Bytes.

Was der AMIGA kann, das kann der ST schon lange, dachte ich mir (denke ich mir übrigens öfters -gelle, Meinhard!). Leichter gedacht als getan: Ohne große Vorkenntnisse von Disketten kroch ich auf der Suche nach einem Ansatzpunkt tage- und vor allem nächtelang durchs Betriebssystem. Ergebnis: Der ST läßt zwischen den Sektoren auf einer Spur recht viel Platz beim Formatieren. Verkürzt man diese Lücken, bringt man noch einen elften Sektor unter. Leider ist die Formatierroutine des Betriebssystems nicht flexibel genug für solcherlei Scherze - wäre auch zuviel verlangt. Desterwegen mußte zunächst eine RAM-TOS-Version dran glauben: Ich spickte sie höhnisch grinsend mit 'zig Patch-Nädelchen, bis sie annähemd tat, was ich wollte. 11 Sektoren pro Spur, 900 KB pro Diskette -Jubel, Trubel, Heiterkeit, verärgerte Mienen im AMIGA-Lager.

Dämpfer

Die anfängliche Euphorie legte sich, als ich feststellen mußte, daß von den 11-Sektor-Disketten ätzend langsam geladen wurde. Der Floppycontroller ist offensichtlich nicht fix genug, um sich während der kurzen Lücke zwischen den Sektoren auf das Lesen des Folgesektors vorzubereiten. Um alle 11 Sektoren zu lesen, brauchte der Controller somit 11 Umdrehungen (gähn...). Die Lösung: Interleaving. Bei diesem Verfahren werden die Sektornummem gegeneinander versetzt; zum Beispiel so:

1-7-2-8-3-9-4-10-5-11-6

Damit hat der Controller nach jedem Sektor genug Zeit, um sich auf den nächsten Datenblock einzustimmen. So kann das HYPERFORMAT mit dem normalen konkurrieren, was Schreib- und Lesezeiten angeht - schließlich fallen durch die höhere Datendichte viele Spurwechsel weg. Einziger Haken: Manche Laufwerke drehen zu schnell, so daß der letzte Sektor nicht mehr ganz auf die Spur paßt; meistens kann man dem aber durch Nachjustieren abhelfen.

Nun wissen Sie also so ungefähr, um was es bei HYPERFORMAT geht. In dieser Version war HYPERFORMAT reif für die Veröffentlichung in der 'ST -Computer' : Dort erschien im Juni 1987 ein Artikel, der zum ersten Teil einer Floppyserie wurde ("Floppyspielereien", ST6/ 87-1/88).

Besser Pee-Dee als Pee-Cee

"Was hat denn das mit PD zu tun?" Gleich, nur noch ein wenig Geduld. Nach der Veröffentlichung in der Zeitung habe ich natürlich heftig an dem Programm weitergearbeitet. Bald entschloß ich mich, die aktuellen Versionen public domain zu machen. Eine entsprechende Bemerkung in der der Floppyserie hatte zur Folge, daß ich mehr Zeit am Telefon als am Rechner verbrachte, der Briefträger Erschwerniszulage beantragte, und meine Mutter sich die Haare raufte.

Viel Geld habe ich gleichwohl nicht dadurch scheffeln können; zwar entrichteten die meisten ST-Anwender, die HYPERFORMAT direkt bei mir bestellten, brav ihren PD-Obulus. Doch sind das ja schließlich die wenigsten. Diejenigen, die HYPERFORMAT von Bekannten oder von PD-Sammlungen bezogen, dachten meistens gar nicht daran, mir ihre monetäre Anerkennung zukommen zu lassen, obwohl sie durch HYPERFORMAT kräftig Disketten sparten.

Mehr Frust als Lust!

Wird man dann auch noch von Leuten angerufen,die

  • irgendwo ein HYPERFORMAT aufgetan haben
  • gar nicht ans Bezahlen denken
  • glauben, Fehler entdeckt zu haben
  • und dann noch entrüstet ein möglichst kostenloses Update haben wollen (schließlich hätten sie ja ein Recht darauf, ist ja auch eine ungeheure Sauerei, ein PD-Programm mit Fehlern, und seien sie noch so klein, auf den Markt loszulassen, die Pakete der Softwarehäuser seien ja auch ausgetestet und somit fehlerfrei... [kein Kommentar]):

Dann fragt man sich schon mal, ob man sich nicht doch den Riesenaufwand für die PD-Veröffentlichung sparen und stattdessen lieber was Geistreicheres tun sollte: Etwa eine Molkerei zu besichtigen.... oder bei einer guten Tasse Tee mit Arthur Dent Bridge zu spielen... oder sich das Schlafen wieder anzugewöhnen. Ich weiß von einigen anderen PD-Autoren, daß es ihnen auch nicht besser geht (Servus, Uland! Noch eins, bitte!). Ich fasse mich hier aber auch an meine eigene verschnupfte Nase (urrg): Habe ich mich doch auch schon dabei ertappt, als ich zum x-ten Mal dieses oder jenes PD-Programm startete und es immer noch nicht honoriert hatte...

Was bringt's?

Und nichtsdestotrotzdessen bin ich froh, daß ich HYPERFORMAT freigegeben habe. Für mich persönlich ergaben sich viele Kontakte zu Anwendern; das macht zwar viel Arbeit (Iiiih! Schon wieder dieses Wort!), ist aber gerade im sozial verarmten Bildschirmumfeld reizvoll und inspirierend. Unter den Kontakten befanden sich auch Software-Häuser: Daß ich mit dem ST umgehen könne, beweise ja HYPERFORMAT, und ob ich nicht mal Lust hätte... klar hatte ich Lust, bloß dummerweise gerade wie so oft keine Zeit - Studium geht vor.

HYPERFORMAT und die Beschäftigung mit den vielen kleinen Problemen der Anwender, die mich aufgrund meiner "Floppyspielereien"-Pamphlete anscheinend für so etwas wie eine Kapazität im pico-Farad-Bereich auf diesem Gebiet hielten, hatten einen wertvollen Effekt: Ich wuselte mehr und mehr mit Massenspeichern herum; erst waren's Floppies, später Platten, zur Zeit CD-ROMs.

Ein Fluch wird salonfähig

Meine Erfahrung mit Massenspeichern und dem ST konnte ich dann - Krönung der bisherigen Schreiberlings-Minikarriere - in ein Buch umsetzen, das ich zusammen mit Anton Stepper, einem Freund und ST-Leidensgenossen, in 7 Monaten (genausolang brauchten Tramiel, Shivji & Co. damals für den ST...) auf die Beine stellte: SCHEIBENKLEISTER ward geboren.

Eine ganze Weile vor dem SCHEIBENKLEISTER erblickte die vorläufig letzte PD-Version von HYPERFORMAT das Licht der Floppy-LED: V2.56++. Diese Version ist bis heute im Umlauf; in der Sammlung der "ST-Computer" ist sie auf der PD-Diskette 123 zu finden.

Mit dem SCHEIBENKLEISTER gab ich auf der CeBIT 1988 die Version 3.0 von HYPERFORMAT frei; die ist nun allerdings nicht mehr public domain; es gibt sie nur zusammen mit dem Buch auf der Buchdiskette (zusammen mit vielen anderen höchst nützlichen Programmen). Dazu steckt dann doch zuviel Arbeit drin; ich kenne kein flexibleres Formatierprogramm:

  • 1 bis 11 Sektoren pro Spur; maximal 950 KB pro Diskette
  • weitestmöglich MS-DOS-kompatibles Format
  • Schnellladeformate
  • Fixe Formatierroutinen: 35s für eine doppelseitige Diskette, 20s für eine einseitige
  • Verify beim Formatieren, Steprate einstellbar, 40-Spur-Formate, Interleave, Spiralisierung, Spuranzahl, Einträge im Wurzelverzeichnis, Laufwerk, zusätzlicher Sektorvorspann einstellbar und, und, und...

Fazit: Reich wird man durch PD-Software nicht; dazu ist die Zahlungsmoral der Deutschen viel zu mies. Was viel wichtiger ist: Sich in einem eng begrenzten Gebiet einen Namen zu machen, kann Chancen bringen, an die man vorher sicher nicht herangekommen wäre. Voraussetzung dafür ist, daß das PD-Programm einen eigenen, ganz besonderen Dreh hat. Bei mir war es die Premiere der 11 Sektoren und der 900 KB pro Diskette. Der siebenhundert42ste Bildschirmschoner bringt's nicht: Ideen sind gefragt. (Wenn Sie freilich gerade an einem Bildschirmschoner mit Grafikeffekten, Kühlhaltefach und Lesestütze arbeiten, dann lassen Sie sich 's von mir nicht miesmachen.)

Dam'n'Herrn, ich danke für die Aufmerksamkeit, Sie waren ein wunderbares Publikum - zum Schluß noch die persönliche Moral von der Geschicht': Als ich anfing, war ich sozusagen nur ein kleiner Tellerwäscher. Dank HYPERFORMAT und dem PD-Konzept wasche ich heute doppelt so viele Teller wie zuvor.

Claus Brod

Revision: r1.1 - 17 Jan 2005 - 20:56 - ClausBrod
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